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22.01.2014, 15:49 Uhr | n tv / Christian Rothenberg
"Das M steht für Muhammad Ali"
Die Verwandlung des Karl-Heinz Huber
Jeder hat sein Laster. Karl-Heinz Huber, der sich selbst Charles M. nennt, nimmt ein großes Stück Schokolade vom Schreibtisch seiner Mitarbeiterin. Er habe ihr die Packung eigentlich geschenkt, erzählt der 57-Jährige, aber er könne einfach nicht mit ansehen, dass sie da so lange rumliegt. "Muhammad Ali liebte Eis. Ich liebe Schokolade", sagt Huber, bevor er sein Büro betritt. So richtig ausgebreitet hat er sich hier noch nicht. Der riesige Raum ist fast leer. Ein Sofa, ein Fernseher und ein Schreibtisch, dahinter eine Deutschland- und eine Europafahne. Im Bücherregal stehen nur eine Packung Haferflocken, ein Lebkuchen-Herz vom Oktoberfest und sein Buch "Ein Niederbayer im Senegal". 
Charles M. Huber sitzt seit Oktober für die CDU im Bundestag. Der gebürtige Münchner zog über die Landesliste Hessen ins Parlament ein. (Foto: imago stock&people)
Berlin -
Huber war Zahntechniker, Kieslastwagenfahrer und Schauspieler, bekannt ist er vor allem durch seine Rolle in der Krimiserie "Der Alte", aber das ist lange her und abgeschlossen. Seit Oktober sitzt er für die CDU im Bundestag. 

n-tv.de: Herr Huber, Sie wurden im September zum ersten Mal in den Bundestag gewählt. Sind Sie froh, dass es endlich losgeht?

 
Charles M. Huber: Ich habe mich nicht gelangweilt in den vergangenen Wochen. Wir mussten Räumlichkeiten finden, Büromaterial bestellen, Mitarbeiter einstellen. Jetzt kann es losgehen.
 
Sie haben bisher in Süddeutschland gelebt, haben Sie sich schon an Berlin gewöhnt?

Ich habe in New York und Paris gelebt. Mit 56 Jahren bin ich im Herbst zum ersten Mal innerdeutsch umgezogen. Berlin ist eine tolle Stadt und ich freue mich, hier zu sein. Ich will in meinem letzten Lebensdrittel nochmal die Dynamik einer Weltstadt erleben. Dazu gehört Berlin als Machtzentrum dieser Nation.
 
Haben Sie keine Sehnsucht nach dem Süden?
 
Ein wenig schon, die Natur fehlt mir. Ich habe an der Bergstraße gewohnt. Da bin ich oft mit meiner Harley gefahren. Das ist wunderschön, die Leute sind so gemütlich. Doch jetzt brauche ich den Wechsel. Ich wohne übrigens in der Schlange, …
 
… einem im Regierungsviertel gelegenen Gebäudekomplex mit Wohnungen für Abgeordnete und Regierungsbedienstete.
 
Ich musste drei Monate warten, bis ich dort eine Wohnung bekam. Jetzt genieße ich den herrlichen Panoramablick auf die Spree und die Siegessäule, die in der Nacht sogar beleuchtet ist.
 
Planen Sie eigentlich später eine Rückkehr ins Schauspielgeschäft?

Nein, das schließe ich aus. Ich bin jetzt seit fast 20 Jahren im operativen politischen Geschäft tätig. 1996 war ich in Äthiopien als Berater für den Tourismusminister. Da standen noch die ausgebrannten Panzer in der Hauptstadt. Politik ist sehr spannend, denn man kann wirklich kreativ sein. Für die Kunst gilt das nicht mehr, weil sie Gebrauchskunst geworden ist. Das Fernsehen steht unter Quotendruck, die Literatur unter Verkaufsdruck, die Musik bewegt sich nur noch im Mainstream. Für mich ist die Kunst daher nicht mehr prickelnd.
 
Wofür steht eigentlich das M. in Ihrem Namen?
 
Das M steht für Muhammad Ali. Ich bin ein großer Fan von ihm. In der Jugend sucht man ja nach Idolen, die einem auch optisch ein bisschen nahekommen. Es war irre in den 60ern, als er noch geboxt hat. Jeder kannte Ali. Dazu kam die politische Komponente. Unter hohem Einsatz und Risiko hat er die Afroamerikaner vertreten. Das habe ich sehr bewundert. Ich habe auch seinen Kampfstil übernommen. Früher haben die meisten Boxer ihrem Gegner auf die Brust geschaut, doch Ali blickte ihnen immer in die Augen.
 
Sie boxen auch?
 
Ja. Während ich in München Schauspielschüler war, habe ich in der Gastronomie gearbeitet und war Sparringspartner für Boxprofis. Das Boxen hat für mich eine meditative Seite. Viele machen es, um sich auszupowern, wenn sie aus dem Büro kommen. Ich kann mich durch Bewegung beruhigen und ausbalancieren.
 
In Ihrem Büro hat Ali aber noch keinen Platz gefunden.
 
Aber in meiner Wohnung, direkt am Eingang. Mein Onkel war Botschafter Senegals im Vatikan. Er kannte Ali persönlich und hat von ihm ein Originalfoto bekommen, das er mir geschenkt hat.
 
Was hat den jungen Charles M. Huber noch geprägt?
 
Ich bin ein Kind der 70er. Neben Ali war auch Jimi Hendrix ein Idol für mich. Er hat mit den Zähnen Gitarre gespielt. Auch die Hippiebewegung und Woodstock haben mich begeistert. Dazu kam ein Konglomerat an Einflüssen, die mein politisches Bewusstsein beeinflusst haben. Ich ging damals aufs Gymnasium. Da fragte mich jemand, ob ich Eldridge Cleaver kenne, ...
 
… einen bekannten Schriftsteller und Mitbegründer der afroamerikanischen Bürgerrechtsbewegung.
 
Natürlich habe ich Ja gesagt, obwohl das nicht stimmte (lacht). Aber dann bin ich in ein Kaufhaus gegangen und habe mir ein Buch von ihm gekauft. Direkt neben der Buch- befand sich die Jazzabteilung. So kam ich auch damit in Kontakt.
 
Ali, Hendrix, Hippies, Woodstock, Cleaver - sind Sie nicht in der falschen Partei gelandet?
 
Ich kann mich mit der CDU ganz gut anfreunden. Traditionen werden häufig mit Rückwärtsgewandtheit in Verbindung gebracht. Als junger Mann wollte ich mich davon auch abgrenzen. Aber inzwischen ist das anders: Ich habe den Konservativismus für mich entdeckt und kann gar nicht verstehen, dass man sich heute rechtfertigen muss, wenn einem die klassische Familie wichtig ist. Jede Frau und jedes Kind streben doch nach einer Familie in der Form, wie sie die Natur angedacht hat und wie sie über Jahrhunderte probat war.
 
Die Union ist die einzige Fraktion im Bundestag, die sich gegen die völlige Gleichstellung von gleichgeschlechtlichen Partnerschaften stellt. Und Sie?
Aus der klassischen Familie sind wir nun mal entstanden. Mir gefällt es nicht, dass man diese ursprüngliche Form heute diskriminiert und als konservativ brandmarkt, weil sie nicht progressiv genug sei. Es gibt Leute, die sagen: "Wir sind ganz besonders klug und kreieren was Neues. Wer dem nicht folgt, ist reaktionär. Das Alte ist schlecht." Das ist mir zu billig.
 
Haben Sie denn ein Problem mit Schwulen?
 
Nein. Es wird sich zeigen, wie positiv sich die neuen Familienformen auf ein Kind auswirken. Ich denke, dass Kinder in einer Beziehung im Vordergrund stehen sollten. Aber mit der Homosexualität von Freunden habe ich kein Problem. Ich kenne ja auch meine feminine Seite.
 
Sie haben eine feminine Seite?
 
Ja, meine Gefühlsseite. Ich kann einen Mann auf die Wange küssen und Menschen berühren, ohne dass es etwas mit Geschlechtlichkeit zu tun hat. Im afrikanischen Kulturkreis spielen Gefühle eine ganz andere Rolle als hier. Da schüttelt man sich nicht formal die Hand und denkt sich: Wenn ich die Hand des Anderen einen Moment zu lang festhalte, könnte jemand glauben, dass ich schwul bin.
 
Das Coming-Out des früheren Fußballers Thomas Hitzlsperger hat für viel Aufsehen gesorgt. Nachvollziehbar?
 
Ich komme aus dem Filmgeschäft. Ob jemand mit einem Typen was hatte oder mit einer Frau: Wir haben über beide gewitzelt (lacht). Fußball ist eben ein Sport mit einer großen maskulinen Komponente. Homosexualität passt da für viele nicht rein.
 
Hätten Sie im Bund eigentlich gern mit den Grünen regiert?
 
Ich hätte zumindest nichts dagegen gehabt. Es wäre ein spannendes Experiment gewesen. Aber die Grünen haben einen Rückzieher gemacht. Mir ist es schleierhaft, wenn eine Partei vor dem Regieren zurückschreckt, obwohl sie schon so lange in der Opposition sitzt. Jetzt regieren wir mit der SPD, und da habe ich ein gutes Gefühl. Ich schätze vor allem Frank-Walter Steinmeier. In seinem Auftritt und seiner Etikette ist er ein sehr guter Mann. Mit Kanzlerin Merkel ist er ein tolles Tandem in der Außenpolitik.
 
Mit Karamba Diaby und Ihnen sitzen zum ersten Mal zwei Schwarze im Bundestag. Leiten Sie daraus eine besondere Verantwortung ab?
 
Ich bin Deutscher, daher lasse ich mir über die Hautfarbe keine Verantwortung aufdrängen. Einen Schwarzen zu nominieren, nur um zu zeigen, wie tolerant man ist - das halte ich für dämlich. Ich bin auch in "Der Alte" nicht besetzt worden, weil ich schwarz bin. Für mich ist das eine Selbstverständlichkeit. Wenn ich dem Integrationsthema irgendwie helfen kann, dann dadurch, dass ich meine Hautfarbe nicht thematisiere.
 
Was für ein Gefühl war das für Sie bei der ersten Plenumssitzung?
 
Ich habe ein japanisches Sprichwort verinnerlicht. Sie müssen Erfolge und Misserfolge mit der gleichen inneren Haltung annehmen. Ich bin nicht jemand, der "Juche" schreit, nur weil er im Bundestagsplenum sitzt. Für mich erzeugt etwas Gefühle, wenn ich Dinge umgesetzt und bewirkt habe. Ich möchte in der Entwicklungspolitik etwas bewegen und wirtschaftliche Kooperationen mit afrikanischen Staaten eingehen, von denen beide Seiten etwas haben. Meine Anwesenheit ist nur der Anfang und eine Vorbereitung auf das, was ich noch vorhabe.
 
Wenn Sie Ali wären, hätten sie den Ring also gerade erst betreten?
 
Ja, Muhammad Ali war Boxweltmeister und Revolutionär. 50 Jahre später sprechen die Menschen noch immer über ihn. Ich bin Politiker und vielleicht so etwas wie ein konservativer Revolutionär, weil ich in kein Schema passe. Ob man in 50 Jahren noch über mich redet, wird sich zeigen.

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