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01.09.2013, 16:35 Uhr | Reiner Trabold / Darmstädter Echo
"Die Herzen fliegen ihm zu"
Unterwegs im Wahlkampf – CDU-Bundestagskandidat und Schauspieler Charles M. Huber geht in seiner Rolle auf
 Was machen die Bundestagskandidaten im Wahlkampf, wie und wo versuchen sie den Wähler zu erreichen? Das ECHO begleitet Bewerber. Heute sind wir mit Charles M. Huber im Darmstädter Wahlkreis 186 unterwegs.
Gestikuliert gerne: Charles M. Huber neben Hülya Lehr in einer Veranstaltung des Ausländerbeirats in Münster. Foto: Karl-Heinz Bärtl
Darmstadt -
„Jeder will ihn haben“, sagt der CDU-Ortsvorsitzende Jürgen Neipp, jetzt wo der Wahlkampf in den Ortsverbänden tobe. Im Hinterzimmer des „Darmstädter Hofs“ in Seeheim freilich tobt nichts. Der Gast am CDU-Stammtisch ist betont leise. Charles Muhamed Huber (56), CDU-Kandidat für den Bundestag, betritt den Raum und nimmt ihn ein. 
 
Es könne kaum einer nachvollziehen, was ein Wahlkämpfer leiste, das gehe an die Grenze, klärt Neipp auf. Tatsächlich gibt Huber an diesem Abend alles, denn er lässt sogar das Super-Cup-Spiel seines FC Bayern gegen Chelsea für den Wahlkampf sausen, verpasst einen Fußball-Krimi mit Happy-End für die Münchner. Sein Herz schlägt derzeit wahlkampftaktisch ohnehin mehr für die Darmstädter Lilien. 
 
Nun, Huber wirkt vor knapp 20 „Mitstreitern“, als die er sie begrüßt, keineswegs gestresst. Einige mehr wären ohne die Fußballübertragung sicher da. Der Kandidat wiederholt, was er zu sagen hat, schon oft in diesen Tagen gesagt hat und noch sagen wird, zieht einen handgeschriebenen Spickzettel mit ein paar Stichworten hervor und legt los.
 
Wie im Film vor kleinem Publikum

Nein, es wirkt nicht einstudiert, wie man es von einem Schauspieler erwarten könnte. Wie ihm die Rolle von TV-Kommissar Henry Johnson in der ZDF-Serie „Der Alte“ auf den Leib geschneidert war, so selbstverständlich nimmt er die Aufgabe im Kampf um Wählerstimmen an. Und das, wenn auch kleine Publikum, hängt während seiner Tour de Raison durch die Politik dankbar an seinen Lippen. Denn er sagt, was es hören will.
 
Huber lässt kaum eine Station aus. Es habe ihn „nicht so in die Politik gedrängt“, behauptet der zugewanderte Kandidat aus München. Darmstadt, das er schon vor Monaten „ein Juwel im Schlafrock“ genannt hat, habe ihn fasziniert. Die Vorzüge einer Wissenschafts- und Universitätsstadt in „landschaftlich wunderbarer Umgebung“ würden aber schlecht vermarktet. Denn allenfalls wüssten die Darmstädter, was sie von ihrer Stadt haben, „aber die andern wissen es nicht“. Dabei habe Darmstadt „immens viel zu bieten“. Er sehe die Politik in der Verantwortung, den Standort auf internationaler Ebene anzupreisen.
 
Huber nennt es „Komfortklima“ in einer „Wohlfühloase“ im Ballungsraum Rhein-Main. Es hänge an der „Schüchternheit der CDU“, dass sie nicht klar mache, woher Stabilität und sichere Arbeitsplätze rührten. Von Europa bis U-3-Betreuung streift er die Themen, verspricht dran zu bleiben, Druck zu entwickeln: „Ich hake mit Penetranz nach.“
 
„Wir wollen in den letzten Wochen kämpfen, dürfen uns nicht ausruhen“, ruft Huber lauter werdend den „Mitstreitern“ zu, kommt auf die von Rot-Grün angekündigten Steuererhöhungen („eine Kapitulation“) – und hat in seinem halbstündigen Rundumschlag dann doch etwas Wichtiges vergessen. Ein Thema, das wie von Zauberhand aus dem Blickwinkel geraten scheint: Der ICE-Anschluss. Eine Wissenschaftsstadt brauche die direkte Anbindung, fordert Huber. Darmstadt könne einfach mehr. So wie er, Charles Huber, der mehrsprachige, international kompetente Ex-Kommissar vom Film, der seinen Vortrag mit den Worten „abgerechnet wird zum Schluss“ beendet und sein Manuskript der Stichwörter bedächtig zusammenfaltet, um zu unterstreichen, es sei alles gesagt.
 
Zwei Tage zuvor: Charles M. Huber beim Kreisausländerbeirat. CDU-Bürgermeister Walter Blank hat ihn ins Münsterer Rathaus eingeladen, denn auch Münster gehört zum Wahlkreis 186. Er kommt zu spät in den Osten, hat, von seiner Wahlheimat Balkhausen kommend, die Straßensperre an der Felsnase nicht einkalkuliert. Der Kandidat nimmt auf dem Podium neben der Vorsitzenden und Gemeindevertreterin Hülya Lehr (SPD) Platz, wird begrüßt, hebt mehrfach an, das Wort zu ergreifen, erhält es nicht. Dezernatsleiter Martin Jungwickel vom RP hat vor rund 20 meist weiblichen Zuhörern über Einbürgerung und doppelte Staatsbürgerschaft informiert, Marc Philipp Nogueira, Projektkoordinator des „Netzes gegen Diskriminierung in Hessen“, nach einem Landesgleichbehandlungsgesetz verlangt. Dort erzählt Huber („mein Vater ist westafrikanischer Diplomat“) als Gleicher und Gleichen aus einem bewegten Leben. In Niederbayern sozialisiert sei es nicht leicht gewesen für einen Schwarzen. Als Kind habe er sich nicht schwarz gesehen, dies erst später erkannt und sich durchgeboxt. 
 
Der Schwarze, der es geschafft hat
 
„Heute bin ich wie jeder andere auch“, sagt er und schaut über die schwarze Lesebrille hinweg ins artig zuhörende Publikum. Huber plädiert eindringlich für mehr Selbstbewusstsein, für Stärke, Bildung. Zugewanderte sollten sich nicht als Opfer sehen, „sonst werden sie auch so behandelt“. Huber, der Schwarze, der es geschafft hat, erhält Klopfbeifall und das Lob des Netzwerkers im Kampf gegen Diskriminierung, Marc Nogueira, für seine „frische, gute Haltung“, die freilich politische Strukturen benötige. Eine junge Frau mit Kopftuch steht auf, um Huber dafür zu danken, dass er vom Plakat heruntergestiegen sei. Es sei schön zu sehen, dass es ein „schwarzer Mensch so weit hat schaffen können“, sagt sie voller Bewunderung. 
 
„Ihm fliegen die Herzen zu“, begeistert sich Jessica Tips. Und fügt hinzu, als verkünde sie das Wahlergebnis: „Wir werden gewinnen.“ Die Kreisbeigeordnete ist Hubers Wahlkampfmanagerin und vom Kandidaten überzeugt. „Wir machen das“, sagt sie und meint damit nicht nur die 1500 Wahlplakate, die sie mit Huber im Wahlkreis zum Teil selbst gehängt haben will. Drei bis vier Veranstaltungen am Tag, Infostände, Hausbesuche. Die Wochenenden vollbelegt. 
 
„Wir powern in den letzten drei Wochen vor der Wahl“. „Freizeit Revue“, „Spiegel Online“ haben sich angekündigt. Huber verteilt Kugelschreiber und Flyer, vor allem aber (wie es sich für einen TV-Star gehört) Autogramm-Karten mit Widmung. Ganz ohne Frage: Der Schauspieler geht in seiner neuen Rolle auf. 

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