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Pressemitteilungen
01.09.2014, 10:11 Uhr
Ebola und die Vernunft der Betroffenen (Kommentar)
MdB Huber über die soziokulturellen Aspekte der Epidemie
Mein vorletzter Besuch im Senegal war vor ein paar Monaten. Da sprach man schon über Ebola. Der Rückflug über Lissabon sollte Verspätung haben. Warum? Ein junger Mann im Flugzeug empfand es als diskriminierend, weil das Kabinenpersonal irgendwelche Chemikalien versprüht hatte, von denen keiner genau wusste, welchem Zweck sie dienlich sein sollten und an wen die „Attacke“ eben adressiert war. Ob sie gegen Ungeziefer, Bakterien oder Viren oder schlichtweg gegen die Atemwege des Menschen eingesetzt werden sollte. Ich kannte diese Prozedur bei Afrika-Flügen seit Langem, ließ sie über mich ergehen; der junge Mann, der in dieser Maßnahme einen diskriminierenden Ansatz sah, protestierte weiter - und wurde letztendlich von senegalesischen Sicherheitsbehörden aus dem Flugzeug entfernt. 
Bundestagsabgeordneter Huber über die soziokulturellen Aspekte der Ebola-Epidemie in Westafrika
Senegal schloss alle Grenzen, hat aber mit Guinea Conakry auf der süd-östlichen Seite einen gemeinsamen Grenzstreifen. Über diesen ist ein 21-jähriger Student aus seiner Heimat, in der die Seuche schon ausgebrochen war, in den nördlich davon gelegenen Senegal eingedrungen - ein Land in dem Schwangerschafts-vorsorge vom Staat bezahlt wird und in das die Guineer schon immer gern reisten, um sich medizinisch versorgen zu lassen. Zudem gibt es besonders beim Stamm der Peul, auch grenzüberschreitende, verwandtschaftliche Beziehungen, auf welche man in Notfällen gerne um Unterstützung bittet.
 
Bei meinem zweiten Besuch vor drei Wochen gab es schon Hinweisschilder auf dem Flughafen Dakar. „Ebola - eine tödliche Seuche.“ Man machte die Leute auf die Übertragungswege aufmerksam und forderte sie unter anderem zum häufigen Händewaschen auf. Auf dem Rückflug hatte, wie sonst nicht üblich, fast jeder Europäer einen ebensolchen Sitznachbarn - auch ich.
 
Senegal hat mit 0,8 Prozent die niedrigste HIV- Rate in Gesamt-Schwarzafrika, gegenüber jenen Ländern zum Beispiel im südlichen Teil des Kontinents, wo diese sich zuweilen schon um die 30 Prozent einpendelt. Die frühere senegalesische Regierung hatte schon zu BSE-Zeiten umgehend den Import von Rindfleisch aus Europa gestoppt, nun hat die Regierung von Präsident Macky Sall, meines Erachtens ausreichend frühzeitig, die Grenzen zu Guinea und Mali dichtgemacht. Aber einer kommt offensichtlich immer durch. Der junge Mann schaffte es diese zu passieren. Hoffen wir, dass er der Einzige war.
 
Was können die einzelnen Länder und die Staatengemeinschaft tun, um sich gegen die Verbreitung des Virus zu schützen? Zum Vergleich: an Malaria sterben jedes Jahr eine Million Menschen. An Ebola sind bislang gut 3000 infiziert - davon die Hälfte gestorben. Das Beängstigende an dieser Krankheit ist neben dem Krankheitsbild, dass diese von Mensch zu Mensch übertragen wird, dessen Aktionsradius den eines Insekts weit überschreitet und am Ende meist der Tod steht.
 
Die WHO kann vor allem eines tun: Auch in den Anrainerstaaten qualifiziertes Personal bereitzustellen. Dabei sollten die Vereinten Nationen darüber nachdenken, die stark betroffenen Staaten wie Liberia dahingehend zu unterstützen, einzelne Zonen, in denen das Virus besonders stark grassiert, isolieren zu können. Schließlich ist die Gefahr von Revolten groß. Denn keiner identifiziert sich mit den Kranken, bis er selbst spürbar infiziert ist. Niemand ergibt sich diesem Schicksal freiwillig und ohne Gegenwehr, auch wenn dies auf Kosten der Gemeinschaft geht.
 
Ob eine Vollversammlung ein Votum dafür abgeben wird, Blauhelme in ein von Krankheit verseuchtes Gebiet zu schicken und sie der Gefahr der Infektion mit der Möglichkeit des Imports der Seuche in das Heimatland auszusetzen, ist fraglich und relativ unwahrscheinlich. Stimmen der Afrikanischen Union hat man dazu noch nicht vernommen.
 
Und was geschieht mit künftigen Bootsflüchtlingen? Wird einer von ihnen als Ursprungsland Sierra Leone, Liberia oder Guinea angeben? Wohl kaum. Gab es bereits einen oder mehrere Kranke darunter, welche mittlerweile vielleicht sogar die gesamte Bootsbesatzung angesteckt haben? Schwierig einzuschätzen. Die Inkubationszeit, welche in der Regel acht bis zehn Tage beträgt, relativiert solche Szenarien in Anbetracht der Reisedauer zwar fast gegen null. Dennoch wurde auch schon von Fällen berichtet, die bei über 20 Tagen lagen. Damit besteht zumindest bei Flüchtlingslagern, welche sich noch auf dem afrikanischen Kontinent befinden, ein Restrisiko, von Neuankömmlingen infiziert zu werden.
 
Was bleibt ist die Aufklärung. Der Sache wäre bereits mit einer Kampagne größeren Ausmaßes damit geholfen, dass kein Schamane ein Mittel gegen diese Krankheit parat hat und hier traditionelle Heilmittel an ihre absoluten Grenzen stoßen. Für uns schwer vorstellbar, aber der Glaube an schamanische Praktiken bei der Heilung aller Krankheiten inklusive AIDS ist unter der afrikanischen Landbevölkerung besorgniserregend groß. 
 
Ich habe für meinen Verein Afrika Direkt e.V., welcher Schulen in Afrika baut, einem der Lehrer privat Geld für eine Malariabehandlung geschickt, nachdem er akut daran erkrankt war. Er wollte das Geld sparen und gab lieber zwei Euro für einen Schamanen aus. Ein paar Tage später war er tot. 
Es gibt viel zu tun - bloß wer packt es an? Bereits einige medizinische Helfer haben sich vor Ort infiziert - einige von ihnen sind diesem heimtückischen Virus bereits erlegen. Was gab es für Erfahrungen aus vorhergehenden Ebola-Epidemien? Offensichtlich nicht allzu viele, die im Sinne einer Strategie zu einer künftigen Bekämpfung der Seuche verwertbar sind. 
 
Ein Sprichwort in Wolof, der im Senegal hauptsächlich gesprochenen Sprache lautet: „Yalla baxx naa.“- „Gott ist gut.“ Keine Antwort, welche man von einem deutschen Entwicklungspolitiker erwartet. Dies ist daher auch nicht als Strategievorschlag meinerseits gemeint, sondern spiegelt die Haltung vieler Menschen, die dort leben, wider.
 
Wir können nur Eines tun: Den Regierungen bei einer Aufklärungskampagne zumindest finanziell, vielleicht auch logistisch behilflich zu sein. Denn die Menschen brauchen einen gemeinsamen Verhaltenskodex für Ausnahmezustände dieser Art, zudem die betroffenen Staaten – ausgenommen Nigeria - nicht über genügend funktionierende Strukturen oder Know-How verfügen, um so eine Kampagne alleine zu tätigen. Da käme wiederum die WHO als Partner ins Spiel. Denn dem „Nach-mir-die-Sintflut-Gedanken“ infizierter Personen und deren Familien, der in den stark betroffenen Ländern durchaus existent ist, muss Einhalt geboten werden. Ansonsten ist auch Gott kein verlässlicher Partner mehr.