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Neuigkeiten
20.04.2015, 16:50 Uhr | Britta Stuff / Der Spiegel
Portrait im Spiegel: Der Neue
Charles M. Huber über seine Rolle als Politiker
Karrieren. Charles M. Huber besetzte als Assistent des "Alten“ eine Nebenrolle mit wenig Text. Nun hat er im Bundestag als Abgeordneter die Bühne seines Lebens gefunden.
Der Neue sitzt im alten Büro von Rainer Brüderle, einem der schönsten Räume, die man als Abgeordneter bekommen kann. Ein Eckzimmer, zwei Fensterfronten, fünfter Stock, Aussicht auf den Reichstag, er hat zwei mannshohe Fahnen von Brüderle übernommen.
CDU-Mann Huber. Foto: Thomas Grabka / Der Spiegel
Berlin -
Wenn er am Schreibtisch sitzt, umrahmen sie ihn wie ein Vorhang, beispielsweise wenn er sagt, dass ihm Rainer Brüderle leidtue. Das sei damals eine übertriebene Debatte gewesen, Brüderle sei gestürzt, nur weil er einen kleinen Fehler gemacht habe.
 
"Welchen denn?“
 
"Er hat kurz vergessen, dass er Politiker ist und dass er beobachtet wird.“
 
Das, sagt der Neue, könne ihm nicht passieren.
 
Charles M. Huber würde es selbst falsch finden, ihn den Neuen zu nennen. Er ist seit anderthalb Jahren Mitglied des Deutschen Bundestags. Bei der Wahl 2013 zog er über Platz 19 der hessischen CDU-Landesliste ein. Der letzte, gerade noch reingerutscht, und doch ein Star, denn er war schon damals mehr als nur ein einfacher Abgeordneter, er war ein Abgeordneter mit Filmvergangenheit.
 
Er war Henry Johnson in "Der Alte“, er war der erste farbige Seriendarsteller Europas, aber wie die beiden anderen Assistenten war er nur der Stichwortgeber. Er saß meist in einem grauen Büro und sagte Dinge, die die Handlung vorantreiben sollten ("Ich habe mir das Nummernschild notiert“, "Bleiben Sie stehen!“, "Was machen wir jetzt?“), und manchmal rannte er auch einem Mörder hinterher. Er galt als guter Schauspieler, doch nach elf Jahren gab es Streit mit dem Produzenten, und er wurde ersetzt. In Folge 226 stand da plötzlich ein anderer Henry Johnson, einer, der so ähnlich aussah wie Huber.
 
Wenn man sich den "Alten“ ansieht, die vielen langen Blicke, die die Schauspieler sich über Leichen gebeugt zuwerfen, wenn man die Dialoge hört ("Glaubst du, es war Mord?“ - "Ich will es nicht ausschließen!“), dann befindet man sich wieder in der Bonner Republik. Und sie scheint so weit weg zu sein wie die Eiszeit.
 
Er sieht immer noch so aus wie damals, nur mit Glatze und ohne Lederblouson. Im Unterschied zu früher sagt Charles M. Huber nun Dinge, die bedeutsam klingen sollen. Er sagt: "Mich interessieren verstärkt internationale Zusammenhänge.“ Er sagt: "Ein Schlüssel für die Lösung der Probleme in Afrika liegt in der Dynamisierung der Wirtschaft.“ Er sagt: "Wer eine gute Expertise zu Themen und Sachverhalten hat, wird in der oberen Etage auch ernst genommen.“ Nach solchen Sätzen schaut er einen lange an, vielleicht zu lange, und manchmal hebt er eine Augenbraue, als wollte er sagen: Nicht schlecht, oder?
 
Auf seinem Handrücken verblasst ein Tattoo. Mit 13 hat er es sich mit dem Schulzirkel selbst gestochen: "Monika“.
 
Er sitzt im Restaurant des Reichstags, ein paar Meter entfernt vom Plenum, das er den "Circus Maximus“ des Bundestags nennt. Links und rechts laufen die Statisten zu seinem Stück vorbei, die anderen Abgeordneten. Manche haben Journalisten dabei, andere ihre Mitarbeiter, die meisten tragen Akten mit sich rum, es ist Sitzungswoche, und Charles M. Huber sagt, dass es ihm am liebsten wäre, wenn er mehr über Politik und weniger über Schauspielerei sprechen könnte.
 
Es gebe so viel zu sagen. Charles M. Huber hat sich auf Entwicklungsarbeit spezialisiert, er sagt, er habe schon 70 Botschafter getroffen, er reise um die Welt, "neulich erst mit Bouffier“. Er habe einen Ordner mit Artikeln über sich aus der internationalen Presse, und erst gestern habe Harvard angefragt, ob er da nicht sprechen wolle.
 
"Aber ist Politik nicht auch ein bisschen wie Schauspielerei?“
 
"Nein.“
 
"Ein kleines bisschen?“
 
"Und wenn Sie noch mal fragen: Nein, das ist mir einfach zu pauschal.“
 
Charles M. Huber weiß, dass Politik ein Geschäft ist, in dem man nicht wirken darf wie ein Schauspieler. Er weiß, dass sein neues Leben voraussetzt, dass man sich für die Sache interessiert. Und so sitzt er da und spricht über den Alexander (Dobrindt), den er kürzlich erst angesprochen hat wegen einer Verkehrsangelegenheit: "Alexander, ich habe eine Situation im Wahlkreis, über die ich gern mit dir reden möchte.“ Oder den Kauder, das sei der Politiker, "der die Dinge inhaltlich und rhetorisch aus meiner Sicht in bester Manier kommunizieren kann“. Das sind jetzt seine Kollegen.
 
Er kam in die Bundespolitik, weil die CDU im Wahlkreis Darmstadt im Sommer 2012 ein bekanntes Gesicht suchte, jemanden, der es mit der ehemaligen SPD-Ministerin Brigitte Zypries aufnehmen konnte. In Berlin empfahl man ihnen Charles
 
M. Huber, den ehemaligen Schauspieler, der sei doch bekannt und in der CSU in München politisch engagiert. Man traf sich am Flughafen in Frankfurt, das Casting lief gut. Charles M. Huber brachte nach Darmstadt etwas mit, das man dort dringend brauchte: Bekanntheit, Ausstrahlung.
 
Doch im Wahlkampf lief vieles schief. Charles M. Huber erschien zu Veranstaltungen, die ein bisschen glamourös waren, zu den Kaffeenachmittagen im Seniorenheim ging er eher nicht. So erzählt man es in Darmstadt. Am Wahlabend dann, als es so aussah, als würde er den Einzug in den Bundestag knapp verpassen, fiel Charles M. Huber für ein paar Stunden aus seiner ihm zugedachten Rolle.
 
Er tauchte nicht auf der Wahlparty auf, wo seine ehrenamtlichen Helfer auf ihn warteten. Er gab einer Zeitung ein Interview, in dem er sich über die mangelnde Unterstützung der CDU im Wahlkampf beschwerte. Am folgenden Tag stellte sich heraus, dass er doch den Sprung ins Parlament geschafft hatte. Von da an war eigentlich nichts mehr zu retten zwischen Huber und der CDU in Darmstadt.
 
Ende März hält er eine Rede in einer kalten Turnhalle in Mühltal bei Darmstadt. Er kommt nicht im Anzug, sondern in Jeans, mit leichter Bügelfalte. Bevor er die Szene betritt, geht es um lokale Stauvermeidung, um den Bau einer Schönheitsklinik, um die Finanzen der Kommune.
 
Huber spricht dann von seinen Reisen, den vielen Botschaftern, die er trifft, Südafrika, Ghana, Senegal, er spricht über Griechenland, er holt die große Welt in den kleinen Raum mit Stiefmütterchen und Turnmatten. Doch in der Politik wird nicht so schnell vergeben. Am Ende sagt eine Frau leise zu einer anderen: "Der hat doch inhaltlich keine Ahnung.“
 
Auf der Fahrt zum Flughafen, sagt Huber, dass es so sei: Wenn man bekannt sei, dann habe man Neider. Die CDU Darmstadt habe nicht damit gerechnet, dass ein Charles M. Huber Schlagzeilen mache, die über das "Darmstädter Echo“ hinausreichen. Politik sei nicht das Geschäft der Rückschau, man müsse nach vorn blicken, und er sagt das mit großer Bestimmtheit, so, als gäbe es keinen Zweifel daran. Es wäre der Moment für seinen langen Blick, für das Heben der Augenbraue, aber das geht nicht, er sitzt am Steuer, und manchmal wirkt es auch so, als sei es ihm egal, ob man ihm zustimmt.
 
Ende Februar begleitet Huber eine Reisegruppe aus dem Wahlkreis bei einer Führung durch das Kanzleramt. Er hält eine kleine Rede, er sagt, wie wunderbar seine neue Aufgabe sei, und am Ende ist Politik dann doch ein bisschen wie Theater: Wenn man fertig ist, wird geklatscht. Draußen ist es dunkel geworden. Links der Reichstag, rechts das Kanzleramt, und in der Mitte breitet Huber die Arme angesichts der Kulisse aus und sagt: "Schauen Sie!“
 
Er sagt, dass da schon ein kleines Loch war nach dem "Alten“. Er hatte viel zu tun, das schon, er spielte in einem Musical mit, er schrieb ein Buch über seine Kindheit, er machte Entwicklungshilfe und Wahlwerbespots für Angela Merkel.
 
Aber seine Erfüllung, die habe er jetzt gefunden.
 
Er ist zuvor schon alles Mögliche gewesen.
 
Er war Zahntechniker, Sänger, Bauarbeiter. Er war Mitglied der SPD, der CSU und schließlich der CDU.
 
Er war auch mal Karl-Heinz Huber. Unter diesem Namen wurde er geboren. Er war der Sohn einer Hausangestellten und eines senegalesischen Diplomaten. Sein Vater hat sich lange nicht zu ihm bekannt, Huber wuchs bei seiner Großmutter in einem kleinen Ort auf, und wenn man ihn fragt, ob das schwer gewesen sei, sagt er: "Ich war das einzige schwarze Kind in einem bayerischen Dorf. Ich wurde so akzeptiert, wie ich war, aber dennoch war ich natürlich immer auch etwas Besonderes.“
 
Er beschloss, sich Charles Muhamed zu nennen, nach Muhammad Ali. Er verließ Großköllnbach am Rande des Isartals und wurde Schauspieler.
 
Manchmal spricht er darüber, aber nur kurz. Über den Arnie, den er kennengelernt hat, als er mit Anna Nicole Smith in Los Angeles gedreht hat. Über Iris Berben, eine feine Frau.
 
Doch dann fällt ihm wieder ein, dass er Politiker ist. Und sagt irgendwas über Botschafter.
 
Er gibt nicht an. Er versucht nur, alles richtig zu machen.
 
In seinem Wahlkreis heißt es, dass man ihn nicht noch einmal aufstellen wolle.
 
Aber es sind ja noch mehr als zwei Jahre bis zur nächsten Wahl, und es gibt noch so viel zu tun. Er braucht zum Beispiel neue Autogrammkarten. Die Farbkombination seines Fotos gefällt ihm nicht, und es stört ihn, dass die Karte nur einen "Ausschnitt seiner Gesamterscheinung“ zeigt. Es geht auch ums Bild, das man abgibt.
 
Huber begrüßt an jedem einzelnen Morgen jeden einzelnen seiner Mitarbeiter per Handschlag, und abends verabschiedet er sich wieder per Handschlag, bei jedem Einzelnen, weil sich das so gehört.
 
Er geht meist direkt nach Hause, nie auf Partys und selten auswärts essen. Er lebt in der "Schlange“, einem Gebäude, das für Bundespolitiker im Regierungsviertel errichtet wurde. Die meisten Abgeordneten sind in das echte Berlin gezogen, nach
 
Friedrichshain oder Kreuzberg, in Wohnungen oder Häuser, ganz egal, nur nicht in die für sie erbaute Kulisse.
 
Er lebt hier allein, seine Kinder sind groß, seine Frau wohnt in München, sie studiert jetzt Psychologie, er sieht sie einmal im Monat. Er macht keinen Urlaub, er will auch keinen machen.
 
Wenn alle Reden gehalten und alle Botschafter getroffen sind, sitzt er in seinem Apartment und denkt nach. Er sagt, er sei dann ganz bei sich. Er tue einfach nichts. Nur manchmal esse er ein Eis.