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Neuigkeiten
09.02.2015, 14:10 Uhr | Charles M. Huber
Afrika
Zwischen Aufschwung und "holländischer Krankheit"
Ich blicke mit einem gewissen Respekt auf den nächtlichen Niger und werde mir der Macht bewusst, welche von einem Fluss dieser Größenordnung ausgeht. Er ist die Lebensader vieler Menschen in verschiedenen Ländern Mittel- und Zentralafrikas. 
Berlin -

Über ihn funktioniert der Handel, der Transport von Menschen und anderen Lebewesen über Ländergrenzen hinweg und vor allen Dingen: An seinen Ufern nährt sein Wasser die Felder, in denen Reis und Gemüse angebaut werden, welche wiederum die Bevölkerung ernähren.

„Wir haben nicht gewusst, dass Du der aus der Serie „Le Renard" bist, platzte es aus dem Munde eines hohen Regierungsvertreter heraus, welcher die Delegation zum Abendessen eingeladen hatte. Mein französischer Kollege lachte. Die ZDF-Serie „Der Alte" lief unter diesem Namen in der Frankophonie. Auch er kannte sie.

„Was hätte das geändert?" fragte ich. „Ja, dann hätten wir das Programm etwas verändert", meinte er. Nun lachten auch die englischen Kollegen.

Nach gut einem Jahr im Bundestag als Deutscher mit einem afrikanischen Erbteil füllt sich langsam aber beständig mein Portfolio an kleinen oder größeren Anekdötchen, da ja in dem beschriebenen Szenario entscheidend war, dass auch der Schauspieler quasi ja einer von ihnen sei. Der Hinweis kam, wie sich beim Verlassen des Lokals herausstellte, von dessen Inhaber.

Kurz vorher hatte ich einen TV-Auftritt in Tansania. Auch der Vize-Staatspräsident hatte es sich nicht nehmen lassen, mich zu einem Gespräch einzuladen, welches ich zusammen mit der Botschaft und dem örtlichen Vertreter der Konrad Adenauer-Stiftung, Stefan Reith, wahrnahm.

In einem anschließenden TV Interview, das über eine Stunde ging, richtete ich mich an die Jugend, und warnte sie davor, sich religiösen Terrormilizen anzuschließen, da es bei diesem Kampf nicht um Religion und 70 Jungfrauen im Paradies ginge, sondern nur ein Holzsarg auf sie warte und für diejenigen, denen sie als Kanonenfutter dienten, eine Menge Geld. Man bot mir an, dieses Interview zu entschärfen. Ich lehnte ab.

Wenige Wochen später begleitete ich einen unserer Staatssekretäre nach Marokko. Kurz vor der Abreise gönnte ich mir ein schnelles Frühstück, als ein afrikanischer Herr, der mich schon am Buffet gemustert hatte, ansprach: „Sie sind doch der Afrikaner, der für die Deutschen im Bundestag sitzt". „Ja, der Deutsch-Afrikaner" antwortete ich ihm, um ihn nicht zu brüskieren.

„Ich bin ein Kollege aus Zimbabwe", gab er sich zu erkennen. „Ich habe Ihr Interview über den Terrorismus im Fernsehen gesehen. Sehr gut!". „Ist das so?", entgegnete ich ihm. „In jedem Fall - das ist wichtig für unsere Jugend." Ich war beruhigt, war ich doch mit dem Ziel angetreten, nicht nur leere Parolen in den politischen Äther zu schießen.

In der Tat ist Afrika ein Kontinent, der große Chancen in sich birgt. „Wir hatten nur eine Option: die Chinesen", hörte ich jedoch oft. „Zur Gestaltung regionaler und panafrikanischer Binnenmärkte brauchen wir jedoch Infrastruktur. Da kam von Europa nichts." Schwer hier mit einem Gegenargument aufzuwarten.

Auf meinem ersten Jahressummit der OECD in Paris hieß die Parole: „Africa needs private investment". Dass jüngst Ferrostaal verkündet hat, in Tansania eine Düngemittelfabrik für eine Milliarde Dollar zu errichten und damit 5000 Arbeitsplätze zu schaffen, ist aus deutscher Sicht sicherlich ein guter Ansatzpunkt. Auch Fraport als Betreiber des neuen Flughafens im Senegal ist schon allein dahingehend wichtig, dass wir in afrikanischen Ländern - außer durch Kooperationen mit der GIZ - überhaupt noch sichtbar sind.

Projekte, welche sich überwiegend auf den Rohstoffsektor konzentrieren, bringen keine wesentliche Wertschöpfung in den jeweiligen Ländern und helfen der Bevölkerung, besonders den Jugendlichen, in Bezug auf Arbeitsplätze nur wenig bis gar nicht. Im Gegenteil: Sie bringen manchmal oder häufig auch, wie im Fachjargon genannt, die „holländische Krankheit" mit, wie der sogenannte „Fluch der Bodenschätze" alternativ bezeichnet wird.

Hermesbürgschaften in gewissen Ländern, z.B. im Energiebereich, zu überdenken wäre kein ungeeigneter Vorstoß, um den wirtschaftlichen Dialog mit dem Nachbarkontinent zu dynamisieren. Denn auch Amerika hat den Kontinent wiederentdeckt. Präsident Obama kündigte an, in den nächsten Jahren jeden zweiten Haushalt in Afrika mit Energie versorgen zu wollen.

In 35 Jahren wird sich die Bevölkerung in Afrika verdoppelt haben. Die Entwicklung des ländlichen Raumes allein stellt einzelne Länder des Kontinents schon jetzt vor große Herausforderungen. Die Urbanisierung, und die Kontinentalflucht, welche zum Teil bereits von Terrorgruppen organisiert wird - und welche als Pfand für ihre Dienstleistungen gerne auch die zurückbleibenden Familienmitglieder im Auge behalten - hat somit viele negative Folgeerscheinungen. Allein durch Menschenhandel werden laut eines Berichts der Vereinten Nationen pro Jahr circa sieben Milliarden US-Dollar umgesetzt.

Auch der illegale Organhandel ist ein Thema, über das nur unter vorgehaltener Hand gesprochen wird. Ich hatte von einem Krankenhaus in einem entlegenen Gebiet eines afrikanischen Landes gehört, welches auf einem für den Kontinent außergewöhnlich hohen Standard ausgestattet ist und einen gesunden Studenten, der unter Prüfungsangst litt, „kostenlos" am Herzen operieren wollte.

Der Kontinent steht unter Druck, wenn es nicht zu einer signifikanten und diversifizierten Steigerungsquote hinsichtlich ausländischer Investitionen und einer Effizienzsteigerung in der Landwirtschaft zu Genossenschaftsbildung unter Kleinbauern und einer Ausgewogenheit und Abstimmung in Bezug auf industrielle Landwirtschaft kommt. Das Kleinbauerntum allein kann - irrtümlichen Parolen einiger NGOs zum Trotz - den Kontinent, der in den nächsten 30 Jahren diesen Sektor diesbezüglich um 70 Prozent steigern muss, nicht ernähren.

Terrorismus geht zwar von Gruppen wie Boko Haram, Al Shabab, AQIM etc. aus, welche ich gar nicht mehr als radikal-religiöse Gruppen bezeichnen möchte. Er ist jedoch vielmehr ein Symptom der Militarisierung und Kriminalisierung der Schattenwirtschaft im großen Stil. Er folgt einer Strategie, welche nicht nur strukturschwache Saaten Afrikas und des Mittleren und Nahen Ostens fragmentieren kann, sondern durch die illegal erworbenen Mittel im dreistelligen Milliardenbereich - nicht zuletzt durch den Zusammenschluss international operierender Kartelle, welche in verschiedenen Bereichen, besonders auch im Drogenhandel tätig sind - die internationale Ordnung in Bedrängnis bringen können.

Und wenn die islamistischen Terrormilizen in Mali mittlerweile mit Mopeds, anstatt mit Allrad-Autos durch das staubige Gelände rasen, ist dies nicht etwa ein Indiz für Ressourcenknappheit, sondern für ein hohes Maß an Flexibilität. Momentan agieren diese nämlich weniger im Norden, der unter stärkerer Aufmerksamkeit steht, sondern überwiegend im weitgehend unbeachteten Süden.

Frankreich plant ein neues, entwicklungspolitisches Konzept nach chinesischem Vorbild, wodurch sich die französische Entwicklungsbank direkt an Firmen beteiligen kann, welche in Drittländern investieren können. Wir brauchen jedoch einen gesamteuropäischen Ansatz.

Eine gemeinsame europäische Investment- und nicht nur Handelsstrategie in Bezug auf Afrika ist langfristig nicht nur eine Chance für Afrika, sondern auch für uns. Der Kontinent, seine einzelnen Länder und seine Regionen brauchen einen Masterplan, eine Strategie, die auch kulturelle Parameter mit einbezieht. Nur so lassen sich die großen Herausforderungen, mit denen man hier konfrontiert ist, auch meistern.

Den Artikel im Original finden Sie hier.